Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling: Arabischer Frühling ist kein islamistischer Herbst

Im Epizentrum der Arabellion: Der Arabische Frühling zeigt überraschende Symmetrien mit der großen Reformbewegung der „Nahda“, meinten nicht wenige Kenner der arabischen Welt wie der französische Nahostwissenschaftler Jean-Pierre Filiu.

Der Arabische Frühling wird nicht in einem islamistisch dominierten und deshalb grauen Herbst enden, meint DW-Islamexperte Loay Mudhoon.

Ist der Traum der neuen, arabischen Demokratie-Bewegungen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit, vom Leben in Würde durch die Ergebnisse der ersten wirklich freien Wahlen in Tunesien und Ägypten ein Jahr nach der “Arabellion” nun ausgeträumt?

Spätestens seit dem überraschenden Wahlerfolg der radikal-islamistischen Salafisten in der ersten Runde der Parlamentswahlen in Ägypten könnte man diese Fragen mit “Ja” beantworten. Doch das wäre voreilig in dieser historischen Umbruchsituation – und zu einfach, vor allem angesichts der unübersichtlichen politischen Gemengelage in den postrevolutionären, arabischen Staaten.

In der Tat ist das Islam-Verständnis der ultra-konservativen Salafisten in Ägypten zweifelsohne zu engstirnig, um an einem demokratischen Politikprozess konstruktiv teilzunehmen. Doch im Gegensatz zum Erfolg der politisch unerfahrenen Salafisten waren die Wahlsiege der Partei “Freiheit und Gerechtigkeit” der Muslimbruderschaft zu erwarten. Ebenso wie die Wahlsiege der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) in Marokko und zuvor der Ennahda-Bewegung in Tunesien.

Diese heterogenen Bewegungen sind Volks-Parteien, die dank ihrer Netze an Moscheen, Kindergärten und anderen Wohlfahrtseinrichtungen in der Bevölkerung tief verwurzelt sind. Sie sind zudem gut organisiert und gelten im Gegensatz zu den etablierten Machteliten als nicht korrupt.

Neben diesem „Heimvorteil“ gelang es den arabischen Mainstream-Islamisten in dem kurzen Wahlkampf, von den tatsächlichen sozio-ökonomischen Problemen und Herausforderungen abzulenken, in dem sie ihren populistischen Identitätsdiskurs in den Mittelpunkt stellten.

Über Fragen wie “Wer sind wir?” wurde vor den Wahlen so heftig diskutiert, als stünden arabische Gesellschaften vor einer feindlichen Übernahme! Auch deshalb konnten sie ihre Anhänger emotional besser mobilisieren als die neu entstandenen liberalen und zivilen Jugend-Parteien, die sich spät in Wahlkampf eingestiegen sind; einige dieser Jugendparteien haben sich zudem wenig engagiert

Dennoch: Panik oder gar Hysterie sind fehl am Platz in dieser historischen Situation, schließlich werden die islamistischen Wahlsieger in keinem arabischen Land die Spielregeln der zu etablierenden Demokratien alleine bestimmen können. In Tunesien muss Ennahda mit anderen säkularen Parteien koalieren. In Ägypten müssen sich die Muslimbrüder eindeutig von den Steinzeit-Salafisten distanzieren, wenn sie sich als glaubwürdige und berechenbare Kraft des Wandels legitimieren und der Konfrontation mit der Revolutionsbewegung sowie mit dem Militärrat aus dem Weg gehen wollen.

Und noch wichtiger: Die Erfahrung lehrt, dass in einer Demokratie kein Weg an der Einbindung großer gesellschaftlicher Strömungen ins politische System vorbeigeht. Denn erst dadurch lernen diese fundamental-oppositionellen Kräfte, was es konkret heißt, politische Verantwortung zu übernehmen. Sie üben die Kunst der schmerzhaften Kompromisse und entwickeln erst dadurch die Kompetenz, Probleme zu lösen. Kurzum: Sie werden durch die normative Kraft des Faktischen zwangsläufig pragmatischer. (Darin sind sich fast alle seriösen arabischen Beobachter und Meinungsmacher einig).

Die arabischen Neo-Islamisten stehen im Augenblick daher vor der Wahl: Entweder sie passen sich der veränderten Umgebung an, oder sie halten weiter an den ihren überkommenen ideologischen Konzepten fest.

Sollten sie sich für die zweite Option entscheiden, werden sie mit Sicherheit an den großen Herausforderungen der Gegenwart, vor allem am Aufbau funktionierender Institutionen und an der Ankurbelung der Wirtschaft epochal scheitern.

Autor: Loay Mudhoon

Dieser Kommentar wurde zuerst im Rahmen des DW-Spezials “ Die unvollendete Revolution am 17.12.2011 veröffentlicht.

© DW/ Loay Mudhoon 2011

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Eine Antwort zu Ein Jahr nach dem Arabischen Frühling: Arabischer Frühling ist kein islamistischer Herbst

  1. Gunnar schreibt:

    Gefaellt mir gut die Seite. Gute Themenwahl.

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