Kommentar: Türkische Optionen im Syrienkonflikt sind begrenzt

Der Konflikt in Syrien zeigt die Grenzen der neuen türkischen Außenpolitik auf. Nach den verheerenden Anschlägen in Reyhanli sollte die Türkei auf einseitige Gegenreaktionen verzichten. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Der Machtantritt der AKP-Regierung im Jahre 2002 leitete eine bemerkenswerte Wende in der türkischen Außenpolitik ein. Im Mittelpunkt dieser Neuorientierung stand das vom Außenminister Ahmet Davutoglu formulierte Konzept der „Strategischen Tiefe“, in dem sich die Türkei als „zentrales“ Land versteht. Ein Land, dessen Identität und Zugehörigkeit aufgrund seiner besonderen geografischen Lage zwischen Europa und der islamischen Welt und seines vielfältigen religiös-kulturellen Erbes nicht mehr nur „westlich“ verstanden wird.

In der Praxis ist damit eine Diversifizierung der türkischen Außenpolitik gemeint, die nicht nur in der westlichen Welt durch die NATO-Mitgliedschaft und den EU-Kandidatenstatus verankert ist, sondern auch muslimische Staaten wieder stärker einbezieht und sich konstruktiv an der Suche nach regionalen Konfliktlösungen und an internationalen Vermittlungsmissionen beteiligt.

Diese außenpolitische Öffnung markierte zweifelsohne einen klaren Bruch mit der kemalistischen Tradition der einseitigen Fixierung auf die Westbindung. Die neue, mehrdimensionale Außenpolitik, die auf maximale Kooperation und “Null-Probleme” mit allen Nachbarstaaten abzielt, trug andererseits auch entscheidend dazu bei, die regionale Stellung des Landes ökonomisch und politisch zu stärken.

Grenzen der „Null-Problem-Politik“

Doch die revolutionären Umwälzungen des „Arabischen Frühlings“ haben die Grenzen des Einflusses der aufstrebenden Regionalmacht deutlich aufgezeigt. Vor allem der Konflikt im benachbarten Syrien offenbarte die Schwächen der türkischen Außenpolitik.

Dabei spielte sowohl die neunhundert Kilometer lange Grenze zum Bürgerkriegsland Syrien als auch die Abhängigkeit von Syrien als Transitland für die expandierenden Aktivitäten türkischer Unternehmer in der arabischen Welt eine wichtige Rolle.

Doch viel wichtiger war die Rolle Syriens als „das Herzstück der neuen türkischen Außenpolitik“. Denn die Beziehungen zwischen Ankara und Damaskus wurden in den Jahren vor dem syrischen Bürgerkrieg auf eine neue partnerschaftliche und strategische Grundlage gestellt. Die türkisch-syrischen Beziehungen avancierten somit zum erfolgreichen Modell für die neue Kooperationsstrategie des aufstrebenden Landes am Bosporus.

Syrien: Ankaras Achillesferse

Mit dem Ausbruch und der Verselbstständigung der Gewalt in Syrien wurde schnell klar, dass die neue türkische Außenpolitik den neuen Realitäten im benachbarten Syrien nicht gerecht werden kann. Dabei dürfte für Ankara die Tatsache schwer wiegen, dass das Land nicht über die notwendigen Instrumente und Ressourcen verfügt, um den Verlauf der Ereignisse im Bürgerkriegsland Syrien entscheidend zu beeinflussen oder es aus der derzeitigen, zerstörerischen Pattsituation zwischen dem Assad-Regime und seinen Gegnern zu befreien.

Zwar unterstützt die türkische Regierung seit dem endgültigen Scheitern ihrer Vermittlungsmissionen die syrische Opposition, die von der Türkei aus ihre diplomatischen und militärischen Aktivitäten koordiniert. Doch es gelang der türkischen Führung nicht, eine von ihr geforderte Flugverbotszone über dem Norden Syriens international durchzusetzen. Zudem hatte sie wenig Erfolg bei ihren Bemühungen, die chronisch zerstrittene syrische Exilopposition zu einen, um eine passende und schlagkräftige Alternative zum Assad-Regime aufzubauen.

Regionalen Flächenbrand verhindern

Inzwischen müssen sich türkische Diplomaten und Strategen eingestehen, dass eine internationale Militärintervention in Syrien trotz mehr als 80 000 Toten und Millionen von Flüchtligen gegenwärtig unrealistisch ist. Wie verfahren die innersyrische Situation ist, wird dadurch verdeutlicht, dass auch ein schnelles Ende des Gewaltregimes von Baschar al Assad keinesfalls das Ende des Bürgerkrieges in Syrien mit sich bringen würde. Zudem möchte die AKP-Führung unbedingt vermeiden, in einen Stellvertreterkrieg gegen den Iran hineingezogen zu werden. Auf diese Weise würde sich die konfessionelle Blockbildung zwischen Schiiten und Sunniten in der Region weiter verschärfen.

Weil die Einflussmöglichkeiten der Türkei begrenzt sind, wäre die türkische Führung gut beraten, ihren bisherigen, zurückhaltenden Kurs in der Syrienkrise beizubehalten und vor allem auf einseitige Gegenreaktionen auf die verheerenden Terroranschläge von Reyhanli zu verzichten. Die Türkei kann nur im Auftrag der internationalen Gemeinschaft und in koordinierter Zusammenarbeit mit westlichen und arabischen Alliierten wichtige Ordnungsaufgaben in Syrien übernehmen – und vielleicht dadurch dazu beitragen, einen regionalen Flächenbrand zu verhindern.

Loay Mudhoon

© Deutsche Welle 2013

Dieser Kommentar ist am 14.03.2013 auf dw.de erschienen.

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PM: Goethe-Institut und Robert Bosch Stiftung unterstützen engagierte Muslime in deutschen Städten

Die meisten muslimischen Gemeinden beraten ihre Mitglieder weit über religiöse Aspekte hinaus: Sie helfen beim Umgang mit Behörden oder bei schulischen Fragen der Kinder. Um sie bei dieser Aufgabe zu unterstützen, werden rund 100 engagierte Mitglieder muslimischer Gemeinden sprachlich und inhaltlich fortgebildet. In zunächst vier deutschen Großstädten bieten Goethe-Institut und Robert Bosch Stiftung ein mehrjähriges Fortbildungsangebot an. Das Projekt startet am 23. Mai in Hamm. Hamburg, Essen und Mannheim folgen.

Mit dem Projekt „Muslimische Gemeinden als kommunale Akteure“ stärkt das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der Robert Bosch Stiftung den Austausch zwischen muslimischen Gemeinden und kommunalen Organisationen und Verbänden. Ehrenamtliche haben nun die Chance, sich über mehrere Jahre fortbilden zu lassen, damit sie den Mitgliedern ihrer Gemeinde besser zur Seite stehen können: beim Ausfüllen von Anträgen, beim Umgang mit Behörden oder als Engagierte in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der direkte Kontakt mit Verantwortlichen in Behörden und Ämtern. Die Fortbildung richtet sich an engagierte Vertreter muslimischer Gemeinden, die dort eine vertrauensvolle und meinungsbildende Rolle spielen.

„Für ein fruchtbares Zusammenleben ist das gegenseitige Verständnis zwischen muslimischen Gemeinden und kommunalen oder kirchlichen Organisationen wichtig. Dafür braucht es natürlich sprachliche und interkulturelle Kompetenzen – es hilft aber auch, wenn beide Seiten feste Ansprechpartner haben, an die sie sich vertrauensvoll wenden können“, betont Angela Kaya, Regionalleiterin der Goethe-Institute in Deutschland.

„Engagierte Muslime sind für unsere Städte unglaublich wichtig. Von vielen unbemerkt, leisten sie in ihren Gemeinden großartige Arbeit. Damit sie ihre Vermittlerrolle in unserer Gesellschaft noch besser ausfüllen können, wollen wir das Netzwerk zwischen muslimischen Gemeinden und anderen kommunalen Akteuren stärken“, unterstreicht Olaf Hahn, Bereichsdirektor bei der Robert Bosch Stiftung.

Die Fortbildung

Neben einem umfangreichen Sprachkursangebot, das insgesamt 25.000 Unterrichtseinheiten umfasst, beinhaltet die Fortbildung eine zehntätige Seminarreihe, die sich kommunalen Schwerpunktthemen widmet. Dabei steht der Praxisbezug im Vordergrund: Die Teilnehmer sind eingeladen, die Themen mitzubestimmen und zu gestalten, je nach dem individuellen Bedarf, der in den verschiedenen muslimischen Gemeinden in Deutschland besteht. Auch persönliche Gespräche und der direkte Kontakt mit Verantwortlichen und Entscheidungsträgern in Behörden und Einrichtungen spielen eine wichtige Rolle.

Eine Konferenz in München im Sommer 2014 bietet allen Teilnehmer der verschiedenen Städte zudem die Möglichkeit Erfahrung auszutauschen und Kontakte über die eigene Gemeinde hinaus zu knüpfen.

Das Goethe-Institut und die Robert Bosch Stiftung arbeiten bereits seit vielen Jahren in zahlreichen Projekten im In- und Ausland erfolgreich zusammen. Beispielsweise leisten die „Robert Bosch Kulturmanager“ einen wichtigen Beitrag der Völkerverständigung zwischen Deutschland und Ländern in Mittel- und Osteuropa sowie der arabischen Welt. Enge Kooperation bestehen aber auch bei Schüleraustausch-Projekten oder Übersetzerpreisen. Auch zum Themenfeld „Islam in Deutschland“ haben Goethe-Institut und Robert Bosch Stiftung bereits in der Vergangenheit erfolgreich zusammengearbeitet. Unter anderem haben sie von 2009 bis 2011 gemeinsam Sprachkurse für Imame in Baden-Württemberg durchgeführt. Die fachliche Fortbildung von religiösem Personal hat das Goethe-Institut im bundesgeförderten Projekt „Imame für Integration“ von 2009 bis 2012 bereits erfolgreich praktiziert.

Weitere Informationen:

www.goethe.de/maka

www.bosch-stiftung.de

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Kommentar: Syrische Opposition als Spielball regionaler Akteure

Die syrische Opposition hat offiziell den Sitz Syriens bei der Arabischen Liga eingenommen. Trotz dieser Aufwertung gefährden einflussreiche, arabische Länder die Ziele der Revolution. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Die syrische Nationale Syrische Koalition hat am Dienstag (26.03.2013) beim 24. Gipfeltreffen der Arabischen Liga in der katarischen Hauptstadt Doha offiziell den Sitz Syriens eingenommen. Damit vollzieht die Arabische Liga einen völligen Bruch mit dem Gewaltregime von Präsident Bashar al-Assad, nachdem sie es am 10. November 2011 aus der Organisation ausgeschlossen hatte.

Dieser Wendepunkt ist zweifelsohne bemerkenswert. Nicht nur, weil auf diese Weise die mehrfach totgesagte und notorisch zerstrittene Arabische Liga ihre erstaunliche Handlungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellt. Sondern weil dieser Schritt den Weg für die internationale Isolierung und notwendige Delegitimierung des Assad-Regimes ebnen dürfte. Aus diesem Grund beansprucht das syrische Oppositionsbündnis ab sofort das alleinige Recht für sich, Syrien auf internationaler Ebene zu vertreten.

Katars problematische Rolle

Doch dieser diplomatische Bruch mit dem Assad-Regime kann nicht überdecken, dass sich Unmut innerhalb der Nationalen Syrischen Koalition über die Rolle einiger arabischer Akteure im Syrienkonflikt bereit macht. Vor allem die Rolle des kleinen Zwergstaates Katar steht seit einigen Monaten in der Kritik.

Die ressourcenreiche “Petro-Monarchie” möchte die neuen Verhältnisse nach der Arabellion entscheidend prägen – und in ihrem Sinne nutzen. Die ambitionierte Herrscherfamilie in Doha will das Land mithilfe ihrer Scheckbuchdiplomatie unwiderruflich als Regionalmacht etablieren. Dabei kommt ihr zugute, dass arabische Führungsmächte wie Ägypten oder Saudi-Arabien entweder zu schwach sind oder zu sehr mit eigenen Problemen beschäftigt sind.

Sein Unbehagen über die dominante Rolle der katarischen Außenpolitik in der arabischen Liga und ihre “pragmatische Allianz” mit den Kräften des politischen Islam, brachte Muas al-Chatib am Dienstag zum Ausdruck. Der moderate Islam-Gelehrte und Vorsitzende der Syrischen Nationalen Koalition machte darauf aufmerksam, dass die Golfmonarchien demokratischen Prinzipien nicht folgen. Zuvor versuchte Katar zusammen mit den Muslimbrüdern den relativ unbekannten IT-Fachmann Ghassan Hito, der den islamistischen Kräften nahestehen soll, als Chef der neuen Übergangsregierung durchzuboxen – gegen die Bedenken des parteilosen und demokratisch orientierten al-Chatibs.

Syrien aus dem “zerstörerischen Patt” befreien

Weil die Machtpolitik Katars nicht nur die fragile Einheit der syrischen Opposition massiv bedroht, sondern auch die demokratischen Ziele des Aufstandes gegen die Assad-Dikatur, wären Deutschland und Europa gut beraten, ihre Zurückhaltung gegenüber der Freien Syrischen Armee endlich abzulegen.

Primär sollten die Europäer mehr Ressourcen für den zivilen Aufbau in den befreiten Gebieten bereitstellen. Aber auch gezielte militärische Hilfe für die moderaten Kräfte innerhalb der Freien Syrischen Armee darf nicht mehr tabuisiert werden.

Es muss darum gehen, Syrien aus der derzeitigen, zerstörerischen Pattsituation zwischen dem Assad-Regime und seinen Gegnern zu befreien. Zudem dürfte die Fortsetzung europäischer Untätigkeit im Syrienkonflikt zur Folge haben, dass antidemokratische und radikal-islamische Kräfte gestärkt werden.

Loay Mudhoon

© Deutsche Welle 2013

Dieser Kommentar ist am 28.03.2013 auf dw.de erschienen.

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Mehr Beiträge zum Aufstand in Syrien

Fawwaz Haddad: Syrien vor der Stunde Null

Noch hat die letzte Stunde des syrischen Regimes nicht geschlagen. Aber die trügerische Sicherheit in Damaskus hat Risse bekommen und die falschen Reaktionen des Regimes lassen bei den Menschen Zweifel und Ängste aufkommen, schreibt der syrische Schriftsteller Fawwaz Haddad aus Damaskus in seinem Essay.

Das politische Erbe des syrischen Baath-Regimes

Wie Assad Syrien systematisch zerstörte

Das Assad-Regime trägt nach Ansicht des bekannten Publizisten Khaled Hroub die Verantwortung für die Gewalteskalation in Syrien, weil es seit dem Beginn der ursprünglich friedlichen Revolution deren Militarisierung vorangetrieben hat. Das Regime habe zudem eine konfessionelle Spaltung der Gesellschaft bewirkt und die nationale Struktur des Landes zerstört.

Opposition und Kirche in Syrien: Ohrfeige für die Demokratiebewegung

Während sich Kirchenführer hinter das Assad-Regime stellen, streiten die Christen in der syrischen Protestbewegung für den demokratischen Wandel. Mit der Übernahme von Propaganda-Parolen des Regimes bringen sich die Kirchenvertreter in eine zunehmend schwierige Lage. Von Claudia Mende

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Kommentar: Grabenkämpfe bedrohen demokratischen Wandel in Tunesien

Trauernde geleiten den Leichnam Chokri Belaids zur Rechtsmedizin_foto_sarah Mrsch

Der kaltblütige Mord an Oppositionspolitiker Chokri Belaïd verschärft die Polarisierung in Tunesien. Doch ohne ein Ende der ideologischen Grabenkämpfe kann der demokratische Übergangsprozess nicht gelingen. Ein Kommentar von Loay Mudhoon.

Eigentlich besitzt Tunesien, das Mutterland der Arabellion, von allen postrevolutionären arabischen Staaten die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Weg in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Denn das kleine Land in der Mitte Nordafrikas hat eine relativ starke Zivilgesellschaft, eine selbstbewusste Frauenbewegung, ein gutes Bildungssystem und eine gut funktionierende Verwaltung. Zudem trat bislang das Militär als politischer Faktor kaum in Erscheinung.

Der Wandel begann vielversprechend nach dem Ende der Diktatur Ben Alis – und mit einem klaren Fahrplan: Nach den ersten demokratischen Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung in der Geschichte des Landes am 24. Oktober 2011 einigten sich die Wahlsieger überraschend schnell auf die Bildung einer Koalitionsregierung und die Aufteilung der wichtigsten Staatsämter. Die Troika-Koalition, bestehend aus der moderat-islamistischen Ennahda-Partei, der sozialistischen Partei CPR (Kongress für die Republik) und der sozialdemokratischen Partei Ettakatol, demonstrierte ihren Willen zur Zusammenarbeit. Tunesiens Demokratisierung schien auf einem guten Weg zu sein.

Stagnation des Transformationsprozesses

Doch spätestens seit Oktober 2012 befindet sich die Politik in einer schweren Legitimationskrise. Auf die für diesen Zeitpunkt angekündigte Verfassung warten die Tunesier immer noch. Stattdessen wächst die gesellschaftliche und politische Polarisierung, und die Bereitschaft der Parteien zur konstruktiven Zusammenarbeit nimmt merklich ab.

Darüber hinaus haben die gewalttätigen Proteste militanter Salafisten im September vergangenen Jahres gegen den sogenannten Anti-Mohammed-Film allzu deutlich gezeigt, dass der tunesische Staat zu schwach ist, um sein Gewaltmonopol durchzusetzen. Vor allem die islamistische Ennahda schreckte offenbar davor zurück, den Einfluss der außer Kontrolle geratenen salafistischen Hassprediger und Krawallmacher einzudämmen. Als tonangebende Kraft in der Regierungskoalition hätte sie jedenfalls die geeigneten politischen Mittel dazu.

Und so verwundert es nicht, dass der Hilferuf des ermordeten Oppositionspolitikers und lautstarken Regierungskritikers Chokri Belaïd nach Polizeischutz bei den verantwortlichen Ministerien auf taube Ohren stieß, obwohl es bekannt war, dass radikale Prediger mehrfach zu seiner Ermordung aufgerufen haben.

Politischer Dialog statt Straßenschlachten

Natürlich war es illusorisch zu glauben, dass das schwere Erbe der Diktatur ohne heftige, innergesellschaftliche Konfrontation überwunden werden kann. Der Mangel an demokratischer Kultur in den arabischen Umbruchstaaten ist offensichtlich.

Es war zu erwarten, dass sich Islamisten und Säkulare nach der Beseitigung der Diktatur, des gemeinsamen Feindbildes, in ideologische Grabenkämpfe verstricken. Dieser Kulturkampf ist für die Identitätsfindung und Neuorientierung arabischer Gesellschaften nach einem halben Jahrhundert autoritärer Herrschaft jedoch unentbehrlich. Dabei geht es um nichts weniger als um ein neues Staatsverständnis und einen neuen Gesellschaftsvertrag. Dass diese Fragen zum ersten Mal frei ausgehandelt werden können, ist zweifelsohne eine Errungenschaft des arabischen Frühlings.

Entscheidend bleibt nur die Art und Weise, wie und wo diese notwendige Auseinandersetzung ausgetragen wird. Wenn dieser Kampf den Boden demokratischer Spielregel verlässt, drohen Straßenschlachten und chaotische Zustände. Genau das ist der Fall in Tunesien nach dem feigen Mord an Chokri Belaïd. Die Übergangsphase in Tunesien wird zusätzlich erschwert durch fehlende Regierungskompetenz der Regierungsparteien, die keine überzeugenden Lösungskonzepte für die großen wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes bieten können.

Weil die Zeiten autoritärer Alleinherrschaft in der neuen arabischen Welt endgültig vorbei sind, wird keine politische Kraft Tunesien alleine führen, geschweige denn die gewaltigen Probleme lösen können. Daher bleibt der nationale Dialog der einzige Ausweg aus dieser ideologischen Selbstblockade. Eine Technokraten-Regierung wäre folgerichtig der erste Schritt zur Überwindung der Staatskrise.

© Deutsche Welle 2013

Mehr Beiträge zur Lage in Tunesien nach dem Attentat auf Chokri Belaid

Auf der Suche nach den Rädelsführern

Nach der Ermordung des namhaften tunesischen Oppositionspolitikers Chokri Belaid stehen in erster Linie die “Ligen zum Schutz der Revolution” unter Tatverdacht. Doch auch Salafisten oder Netzwerke von Sicherheitskräften des früheren Ben-Ali-Regimes könnten für den Anschlag verantwortlich sein weiter »

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Irak: wie die Uranmunition die Kinder grausam tötet

Amerikaner und Briten leugnen bis heute den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Uranmunition und dem sprunghaften Anstieg von schweren Kindern- Missbildungen und neuartigen Kinder-Krebsfällen im Nachkriegsirak. Doch die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. Dies berichtete der „Weltspiegel“ in einer schockierenden Reportage heute.

Im letzten Irak-Krieg 2003, auch als „Dritter Golfkrieg“ bekannt, setzten die Alliierten uranhaltige Munition ein. Die panzerbrechende Waffe wirkt noch nach Jahren.

Die Truppen der sogenannten „Koalition der Willigen“ unter amerikanischer Führung verschossen in ihrem völkerrechtswidrigen Krieg gegen die Truppen des irakischen Diktators Saddam Hussein mehr als 2000 Tonnen Uranmunition.

Eine Frage der Menschlichkeit

Besonders tragisch: „Vor allem Neugeborene und Kinder sind durch die Uranmunition gefährdet. Die panzerbrechende Waffe wirkt noch nach Jahren. Um Basra, im Süden des Landes, beträgt die Strahlenbelastung nach Messungen unabhängiger Experten das 20fache des Normalwertes. Vor allem Kinder, die auf den irakischen Panzerwracks spielen, erkranken. Die Zahl der Missbildungen bei Neugeborenen nimmt zu“, berichtet Thomas Aders in seiner schockierenden  Reportage über die verheerenden Spätfolgen des Krieges für die nachfolgenden Generationen im Zweistromland.

Besonders schlimm ist zudem die Reaktion der irakischen Regierung um Ministerpräsidenten Nuri Al Maliki auf die Tragödie irakischer Kinder in der Region um Basra. Obwohl sie über große Einnahmen aus dem Ölverkauf verfügt, fühlt sie sich nicht verantwortlich für diese „hoffnungsvollen Fälle“. Einer der behandelnden Kinderärzte konnte seine Verzweifelung nicht verbergen und sagt mit leiser Stimme: “Die Behandlung dieser Kinder ist eigentlich „eine Frage der Menschlichkeit“ sei. Dem ist nichts hinzuzufügen….

http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/329478_weltspiegel/13285642_irak-uranmunition-das-strahlende-vermaechtnis

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Volksaufstand ohne Weltpresse: Verbotene Bilder aus Bahrain

Arte-Doku: Was in Bahrain geschieht, erfährt man lediglich aus Amateurvideos auf YouTube und Aktivistenberichten via Twitter. Die Filmemacherin Stéphanie Lamorré teilte allerdings während eines einmonatigen illegalen Aufenthaltes im Land das Leben der Aufständischen. Um unabhängig zu berichten, schmuggelte sie eine Filmkamera nach Bahrain, mit der sie dann verdeckt drehte.

Mehr zum Aufstand in Bahrain

Vorsitzende des “Bahrain Center for Human Rights” Maryam al-Khawaja

”In Bahrain unterdrückt das Regime alle Menschen”

Im Gespräch mit Azzurra Meringolo berichtet die Vorsitzende des “Bahrain Center for Human Rights” Maryam al-Khawaja über die Repressionen gegen Aktivisten der Demokratiebewegung in Bahrain und wie das Regime versucht, die Proteste als einen ausschließlichen Konflikt der Ethnien oder Konfessionen darzustellen. Mehr…

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(Neo)-Islamismus nach dem arabischen Frühling

Internationales Kolloquium: Islamismus im Wandel

Die überraschenden gesellschaftlichen Umbrüche im arabischen Raum besiegelten bislang das Ende von vier despotischen Regimen und schufen Möglichkeiten für neue politischeKonstellationen. Eine nichtideologisierte Jugend erhob sich 2010/2011 auf den Straßen von Tunis, Kairo und andernorts, um bessere Lebensbedingungen, Demokratie, Freiheit und Schutz der Menschwürde zu fordern. Die von diesen jungen Menschen in Gang gesetzten demokratischen Transformationsprozesse bescherten jedoch Islamisten historische Wahlsiege und politische Vitalität.

Islamisten verstehen den Islam als umfassendes gesellschaftspolitisches Programm, das alle Aspekte individuellen Lebens und kollektiver Ordnung durchdringt und als Weltanschauung mit Ideologien westlicher Herkunft konkurrieren soll. Diese Weltanschauung wurde aus europäischer Perspektive stets als Bedrohung für die demokratischen Errungenschaften hiesiger Gesellschaften wahrgenommen.

Nicht zuletzt aufgrund der tragischen Ereignisse des 11. September 2001 festigten sich sicherheitspolitische Überlegungen als Eckpfeiler europäischer Beziehung zum arabischen Raum. So stand die Vorbeugung islamistischer Machtzunahme im Fokus des europäischen Interesses. Jede Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Islamismus wurde vor dem Hintergrund eines terroristischen Bedrohungsszenarios geprägt. Dies galt auch für die heutigen Transformationsländer.

Deutschland setzte beispielsweise u.a. in Ägypten und Tunesien auf die Förderung von säkularen zivilgesellschaftlichen Strukturen als Gegenkraft zu islamistischen Bewegungen. Auch despotische Machthaber wurden legitimiert und stabilisiert. Unter Ausschluss der Islamisten wurde der interkulturelle Dialog mit den säkularen Eliten geführt. Ein Ziel des interkulturellen Austausches war es, den islamistischen Diskurs zu schwächen und Machtbestrebungen von Islamisten entgegenzuwirken. Nun ändern sich die politischen

Gegebenheiten. Islamistische Bewegungen sind starke zivilgesellschaftliche Akteure in den aktuellen Transformationsprozessen. Durch demokratische Wahlen unter hoher Volksbeteiligung sind sie zu legitimierten staatstragenden Kräften geworden.

Im Fokus dieses internationalen Kolloquiums stehen die Transformationsprozesse in Ägypten und Tunesien. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die Entwicklungen im islamistischen Spektrum in den beiden Ländern sowie auf die sich daraus ergebenden Herausforderungen für Deutschland gelegt.

Mit namhaften WissenschaftlerInnen aus Ägypten, Deutschland und Tunesien wird den folgenden Fragen nachgegangen:

• Wo verläuft die Grenze zwischen Islam und Islamismus innerhalb der Bevölkerung?

• Wie lässt sich das aktuelle islamistische Spektrum beschreiben und welche Rolle nehmen Salafisten darin ein?

• Sind islamistische Akteure und Organisationen tatsächlich dazu bereit, antidemokratische Haltungen aufzugeben und sich der Demokratie zu öffnen?

• Ist die Demokratie für Islamisten ein Mittel zum Zweck, um langfristig autokratisch zu regieren?

• Wie lassen sich die Wahlerfolge der Islamisten in Ägypten und Tunesien erklären?

• Warum ist es den säkularen Kräften nicht gelungen, sich in freien Wahlen zu behaupten?

• Handelt es sich um ein “islamisches (Wieder)Erwachen” oder geht es den Wählern um die Suche nach einer Alternative zu bisherigen politischen Eliten?

• Wie kann Deutschland auf Transformationen im arabischen Raum reagieren?

• Was bedeutet die islamistische Machtzunahme in Tunesien und Ägypten für die Zukunft des interkulturellen Dialogs?

• Welche Implikationen haben die Entwicklungen in Ägypten und Tunesien für die Ableger islamistischer Bewegungen in Deutschland?

Im Rahmen der dreitätigen Veranstaltung erhalten WissenschaftlerInnen aus Ägypten, Deutschland und Tunesien die Möglichkeit, sich über diese Fragen auszutauschen, andere Perspektiven kennenzulernen und sich untereinander zu vernetzen. Die interkulturelle und transdisziplinäre Ausrichtung der Veranstaltung kommt durch die Teilnahme ausgewiesener GeisteswissenschaftlerInnen unterschiedlicher Fachdisziplinen aus den genannten Ländern zum Ausdruck und verspricht interessante Ergebnisse.

Mehr Informationen finden Sie auf Seiten des Lehrstuhls für Islamwissenschaft, Universität Erfurt:

http://www.uni-erfurt.de/uni/aktuelles/internationales-kolloquium-islamismus-im-wandel

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